Startseite
TwitterTwitter

Kontakt

Login für den Mitgliederbereich:

Mitgliedsnummer:

Passwort:
(Geburtsdatum TT.MM.JJJJ)

Antidepressiva nicht alleiniges Mittel der Wahl

VPP: Patienten haben Recht auf Psychotherapie

Anlässlich der gegenwärtigen Diskussion um den Einsatz von Antidepressiva in der Behandlung akuter Depressionen macht der Verband Psychologischer Psychotherapeuten (VPP) im BDP deutlich, dass die Verordnung von antidepressiven Arzneien in ein umfassendes psychotherapeutisches Konzept eingebunden sein sollte. Dies gilt nicht nur für Antidepressiva, sondern ebenfalls für andere Psychopharmaka von Schlaftabletten bis hin zu Tranquilizern.

Im Bereich der stationären Akutbehandlung depressiver Störungen ist es immer noch gängige Krankenkassen-Praxis, die Behandlungskosten nur dann anzuerkennen, wenn eine medikamentöse Einstellung erfolgt. Eine Behandlung, bei der die Psychotherapie im Vordergrund steht, gilt als Reha- und nicht als Akutbehandlung. Der VPP stellt diese Praxis besonders im Zusammenhang mit der aktuellen Diskussion um die Wirksamkeit von Antidepressiva sehr in Frage. Er betont: Patienten sollten auch im Akutkrankenhaus das Recht auf eine Behandlung unter psychotherapeutischer Leitung haben, in dessen Rahmen die Notwendigkeit des Einsatzes von Psychopharmaka abzuklären ist.

Kritik an Antidepressiva: Mögliche Erhöhung des Suizidrisikos - fragliche Wirksamkeit
Ausgangspunkt der derzeitigen Kontroverse zwischen der Redaktion des Arznei-Telegramms (s. „Antidepressiva: Lebensgefährliche Plazebos?“) und medizinischen Fachgesellschaften (dgppn, agnp) sind neuere Studienergebnisse aus den USA. Nach diesen ist nicht auszuschließen, dass die so genannten selektiven Serotonin-Wiederaufnahmehemmer (SSRI) insbesondere zu Therapiebeginn zu einer Erhöhung des Suizidrisikos bei depressiven Patienten führen können, da sie die Antriebsschwäche der Betroffenen schneller beheben als die gedrückte Stimmung. Vor allem Kinder und Jugendliche gelten als Risikokandidaten; für die Anwendung von SSRI bei Heranwachsenden wurden entsprechende Warnhinweise angeordnet. Darüber hinaus führte u. a. eine Cochrane-Studie zu dem Ergebnis, dass die Wirksamkeit von trizyklischen Antidepressiva nicht wesentlich höher ist als die von aktiven Plazebos (Medikamente mit ähnlichen Nebenwirkungen aber ohne antidepressiven Wirkstoff).

Jenseits dieser Risiken zeigen klinische Erfahrungen in der stationären Behandlung außerdem, dass Medikamente nicht unbedingt ausschlaggebend sein müssen: Der Zustand vieler depressiver Patienten verbessert sich bereits erheblich, noch bevor die Wirkung der Medikamente eingesetzt haben kann. Der Abstand von belastenden Situationen, das stationäre Setting, die psychotherapeutisch orientierte Kontaktaufnahme mit dem Patienten insbesondere auf einer speziell konzipierten Depressionsstation und weitere Elemente des stationären Settings können hier bereits wirksam werden. Hingewiesen sei in diesem Zusammenhang auch auf eine aktuelle Untersuchung aus Bethel, die belegt, dass körperliches Ausdauertraining bei Depressionen die gleiche Wirkung erzielen kann wie die Behandlung mit Antidepressiva.

Nach einer Psychotherapie geraten Patienten seltener erneut in eine depressive Krise
Aus der Sicht des VPP deckt die Pharmakotherapie nur einen Teilbereich in der Behandlung depressiver Störungen ab. Die gegenwärtige Diskussion um die Wirksamkeit der Antidepressiva bestärkt den VPP in seiner Position, in der Behandlung von Depressionen die Psychotherapie als Mittel der ersten Wahl zu sehen, die andere therapeutische Maßnahmen wie auch die Pharmakotherapie mit einbeziehen kann. Nur so hat die Patientin oder der Patient eine Chance, zukünftig mit möglichen Belastungsfaktoren vorausschauend und aktiv umzugehen. Patienten, die z.B. mit Verhaltenstherapie oder Interpersonaler Therapie behandelt wurden, geraten weniger häufig erneut in eine depressive Krise.

Eine weitere kritische Position zur alleinigen Gabe von Antidepressiva kommt aus der Pharmakogenetik. In der Publikation des Max Planck-Instituts für Psychiatrie heißt es: „So wird heute bei etwa 20 bis 30 Prozent der an Depression leidenden Patienten mit Antidepressiva kein zufriedenstellender Behandlungserfolg erzielt. Zusätzlich tritt die Wirkung oft erst nach sechs bis acht Wochen ein, wobei die Patienten zum Teil erhebliche Nebenwirkungen ertragen müssen.“ In dieser Studie wird die Wirksamkeit von Antidepressiva in Abhängigkeit zur genetischen Disposition gesehen.

Individuelle Behandlungskonzepte statt pauschaler Pharmakotherapie
Trotz all dieser Erkenntnisse wird es aus ärztlicher Perspektive nach wie vor als Behandlungsfehler gewertet, bei Depressionen keine Antidepressiva zu verordnen. Aus Sicht des VPP wird es höchste Zeit, von dieser Praxis abzurücken. Stattdessen sollten für Patienten mit Depressionen individuell zugeschnittene Therapiekonzepte entwickelt werden, die auch im stationären Bereich nach einem psychotherapeutisch orientierten Behandlungsplan erfolgen könnten.

Hans-Werner Stecker
Mitglied im Bundesvorstand des VPP im BDP

Karin Dlubis-Mertens
Öffentlichkeitsreferentin des VPP im BDP

Die ausführliche Publikation mit Literaturangaben finden Sie auf der BDP-Webseite.

25.2.2006

IMPRESSUM | DATENSCHUTZ